Wir sind drei Du bist drei; erbarme Dich unser!

 

Der große Romanschriftsteller Leo Tolstoi[1] schrieb eine köstliche Geschichte, Die drei Einsiedler, die sein Freund Nikolaus Roerich in folgender Kurzfassung wiedergegeben hat:

"Es waren einmal drei alte Einsiedler, die auf einer einsamen Insel lebten. Die waren so einfach, dass sie immer nur dasselbe Gebet sprachen, nämlich: Wir sind drei Du bist drei; erbarme Dich unser! – Und dennoch geschahen oft große Wunder aufgrund dieses naiven Gebets.

Als der zuständige Bischof[2], von diesen drei Einsiedlern und ihrem unstatthaften Gebet erfuhr, entschloss er sich, sie aufzusuchen, um sie die kanonischen Anrufungen zu lehren. Er landete also auf der Insel, erklärte den Einsiedlern, dass ihr an den Himmel gerichtetes Gebet jeder Würde entbehre, und lehrte sie viele der herkömmlichen Invokationen. Danach bestieg er wieder sein Schiff und verließ das Eiland. Doch plötzlich bemerkte er ein strahlendes Licht, das dem Schiff nachfolgte. Als es sich näherte, erkannte er die drei Einsiedler, die sich an den Händen hielten und eilig über die Wellen liefen, um das Fahrzeug einzuholen.

"'Wir haben die Gebete vergessen, die Ihr uns gelehrt habt ', riefen sie, als sie den Bischof erreicht hatten.' Darum sind wir Euch nachgelaufen; könnt Ihr sie uns bitte wiederholen?

Doch der Bischof schüttelte ehrfürchtig das Haupt.

'Liebe Brüder,' erwiderte er demütig,' sprecht euer altes Gebet weiter!'"

  (Aus dem Buch Autobiographie eines Yogi, Kapitel Die Gesetzmäßigkeit des Wunders von Paramahansa Yogananda)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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[1] Tolstoi und Mahatma Gandhi, die miteinander über das Thema der Gewaltlosigkeit korrespondierten, hatten viele gemeinsame Ideale. Nach Tolstois Auffassung liegt der Kernpunkt der Lehre Christi in dem Wort: dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel! (Matthäus 5, 39), d. h., man soll dem Übel nur mit dem einzig logischen und daher auch wirksamen Gegenmittel Güte oder Liebe widerstreben.

 

[2] Diese Erzählung scheint eine historische Grundlage zu haben. Eine Anmerkung des Herausgebers besagt, dass der Bischof die drei Mönche auf einer Seereise, die ihn von Archangelsk nach dem Slovetzki-Kloster an der Mündung der Düna führte, aufgesucht habe.